Text von Kurt Bracharz
in: "Kultur - Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft"
Jg. 19, Nr. 7, September 2004, S. 43


The Twain Shall Meet

Rudyard Kipling prophezeite: "East and West - the twain shall never meet." Eric Burdon veröffentlichte Jahrzehnte später ein Album mit dem hoffnungsvollen Titel "The Twain Shall Meet". Unter den US-Präsidenten Bush sen., Reagan, Clinton und Bush jun. trafen sich West und Ost hauptsächlich mit Marschflugkörpern und Zivilflugzeugen. Das Projekt "365 damaskuswien" versucht den interkulturellen Dialog mittels einer österreichisch-syrischen Agenda.


Die Arabische Republik Syrien ist etwas mehr als doppelt so groß wie Österreich und hat ziemlich genau doppelt so viele Einwohner. Neunzig Prozent sind Araber, etwa sechs Prozent Kurden. 90 Prozent sind Moslems, größtenteils Sunniten, die politischen Machthaber rekrutieren sich aber aus der alavitischen Minderheit. In Syrien gibt es mit 10 Prozent auch relativ viele Christen. Die größte Stadt ist mit über 1,6 Mio Einwohnern nicht etwa die Hauptstadt Damaskus (1,4 Mio), sondern Halab, bei uns wahrscheinlich eher unter seinem alten Namen Aleppo bekannt. Die politische Liberalisierung, die man nach dem Machtwechsel im Juni 2000 erwartet hatte, ist nicht gekommen, die bei solchen Gelegenheiten übliche Amnestie wurde auch nicht den liberalen Oppositionellen, sondern den Moslembrüdern gewährt. Für die USA ist Syrien aber ohnehin ein "Schurkenstaat".

"365 damaskuswien"
Im alten Europa sieht man das nicht so eng, und so wurde 2002 an der Universität für angewandte Kunst unter der Leitung von Christian Reder und Simonetta Ferfoglia ein "Transferprojekt Damaskus" begonnen, aus dem eine Reihe von künstlerischen Einzelarbeiten hervorging, die auch in der Ausstellung "urban orient-ation" im Project Space am Karlsplatz gezeigt wurden. Eine dieser Arbeiten, das Projekt "365 damaskuswien", wurde von der Grafikerin Mag. Angelika Mathis aus Hohenems realisiert. Es ist eine deutsch-arabische Agenda mit Text- und Bildbeiträgen, die von 800 Jugendlichen in Syrien und in Österreich ab September/Oktober praktisch verwendet werden wird. Das bei Hämmerle in Hohenems gedruckte Buch ist konsequent zweisprachig - wo immer ein deutsches Wort steht, findet man die arabische Übersetzung gleich daneben oder darunter, bei den Kalenderdaten ebenso wie bei den Textbeiträgen oder auch als doppelt abgebildetes Zifferblatt (denn die heutigen arabischen Ziffern sehen nicht genau so aus wie unsere ja ebenfalls "arabischen"). Dabei steht eine Textebene auf dem Kopf, damit für beide Textvolumina eine gemeinsame Lese-Richtung gegeben ist. In der Umschlagklappe findet man ein arabisches 29-Buchstaben-Alphabet mit DMG (Deutsche Morgenländische Gesellschaft)-Umschrift und Angaben zur Aussprache.

Von Gemüseorchester bis Damascus online
Die Textbeiträge umfassen ein breites Spektrum, so schreibt z.B. Angelika Mathis über Kalendersysteme (die syrischen Moslems verwenden natürlich den islamischen Kalender, die staatlichen Feiertage richten sich aber nach dem gregorianischen Kalender, und allgemeiner Ruhetag ist nicht der Sonntag, sondern der Freitag), Colette Bahna aus Damaskus erzählt eine Liebesgeschichte als (harmlosen) "Reigen", Barbara Frischmuth eine nicht so harmlose Kindergeschichte, der Abschnitt "Schwingungen" enthält Texte über Musik (von Nikolaus Gansterer vom Ersten Wiener Gemüseorchester und der Opern- und Jazzsängerin Rasha Rizk), "Bewegte Bilder" spricht vom Film (Barbara Albert und Nabil Maleh), weitere Themen sind das Internet (in Österreich eh scho wiss'n, in Syrien noch klein, aber stark expandierend), arabische Lehnwörter, die verschiedenen Körpersprachen, und schließlich gibt's auch was zu "Kaiserschmarren und Baba Ganug", wobei man für das synkretistische Rezept "damaskuswien" mit Sicherheit alle Zutaten auf dem Naschmarkt bekommen kann. Die Agendaseiten werden die Jugendlichen selbst ausfüllen (weshalb bin ich mir so sicher, dass das in Damaskus erheblich kalligraphischer aussehen wird als in Österreich?). Fotos aus Damaskus und Wien hat Cem Yücetas beigesteuert, das Layout ist von Angelika Mathis ("unter der Betreuung von Prof. F.M. Hickmann", wie es bescheiden heißt) und sehr angenehm, es verzichtet nämlich auf alle Mätzchen, die man so oft in von Grafikern gestalteten Büchern findet. Ich habe schon Bücher gesehen, bei denen die Seitenzahlen mit numerischem Zuwachs größer wurden oder sich an ganz unerwarteten Stellen befanden, und es gibt zahllose Publikationen, in denen vollkommen unleserlich winzige grüne Schrift in leuchtend roten Kästen gedruckt war usw. Nichts von alledem hier, alles ist auf Lesbarkeit und Übersichtlichkeit ausgerichtet. Und der Kalender macht's auch möglich, das Buch unpaginiert zu lassen. Mehr Info unter www.damaskuswien.net und www.quintessence.at.

365 damaskuswien, Hämmerle Verlag Hohenems, ISBN 3-902249-51-X, 25 Euro im Buchhandel (der Erlös fließt in das Projekt).


<<< back home