Text von Angelika Mathis
in: "GÖAB Bulletin"


"365 damaskuswien" - ein kleiner Zwischenbericht

April 2002: Ankunft in Damaskus.

Fasziniert von dieser Stadt und ihrer Menschen begann ich damals an der Idee zu arbeiten, ein arabisch-deutsches Buch zu gestalten, das es schaffen sollte, zwischen Jugendlichen in Österreich und Syrien eine Brücke für einen interkulturellen Dialog zu bauen.

Mit Hilfe und unter Mitwirkung von vielen Personen in Österreich und Syrien war es möglich, ein ganz besonderes Projekt entstehen zu lassen, das SchülerInnen in Österreich und Syrien, aktuelle Aspekte beider Kulturen auf eine neue Weise vorstellt und näher bringt.

Grundlage für dieses Projekt bietet das Kalenderbuch "365 damaskuswien", das Schülerinnen und Schüler über die Zeitspanne von einem Schuljahr begleiten soll.
Interkulturelle Texte, stimmungsvolle Fotografien, typographische Illustrationen und Freiraum für die Benutzung als persönliches Kalender-, Skizzen- oder Tagebuch kennzeichnen das mehrfach ausgezeichnete Buch, das einen Dialog auf mehreren Ebenen ermöglichen will.

Auf textlicher Ebene werden im Buch kulturelle Projekte exemplarisch vorgestellt, Verbindungen geschaffen und Gemeinsamkeiten aufgezeigt. So geben beispielsweise Interviews mit Barbara Albert und dem syrischen Regisseur Nabil Maleh Einblicke zum Thema Film in Österreich und Syrien, Barbara Frischmuth und die syrische Schriftstellerin Colette Bahna führen mit literarischen Texten durch das Buch, und Nikolaus Gansterer schreibt über seine Arbeit mit dem Ersten Wiener Gemüseorchester, während die syrische Sängerin Rasha Rizk ihr Projekt "Ittar Shamaa" für arabische Jazzmusik vorstellt.
Weitere Textbeiträge decken eine bunte Palette an Themen ab, und eine spezieller Infoteil am Ende des Buches bietet weiterführende Tipps, Adressen und Links.



Schüler der Hauptschule Herrenried Hohenems fügen zwei Projektbücher aneinander.
Eine visuelle Metapher für Dialog und Austausch.


Auf grafischer Ebene werden die Thematiken "Begegnung", "Überschneidung" und "Dialog" im Buch visualisiert und die beiden Schriftsysteme (arabisch und lateinisch) harmonisch verbunden.
Durch eine Drehung um 180° wird für die arabischen und deutschen Texte - trotz der unterschiedlichen Leserichtungen - eine gemeinsame Fortbewegungsrichtung durch das Buch geschaffen. Man geht gemeinsam durch 365 Tage "damaskuswien".
Die Fotografien aus Damaskus und Wien stammen von Cem Yücetas und schaffen es auf subtile Weise Stimmungen, Lebendiges und Alltägliches aus beiden Städten einzufangen.

Schließlich wird durch die Funktion des Buches als Kalender- bzw. Tagebuch der Dialog auf einer dritten Ebene weitergeführt. Das Buch dringt als täglicher Begleiter in den Alltag der Benutzer ein und schafft es, die Jugendlichen nicht zum passiven "Leser von Texten", sondern von Anfang an zum aktiven Benutzer des Buches zu machen. Der Freiraum des Buches kann also mit Bildern, Gedanken und Geschichten aus der eigenen Lebenswelt gefüllt werden, wodurch eine vierte, ganz individuelle Dimension eröffnet wird.

September/Oktober 2004: Verteilungsaktion in Syrien und Österreich
Nach unzähligen Arbeitsstunden, Förderungsgesuchen, und einigen Geduldsproben mit der syrischen Bürokratie war es nun soweit: Rund 700 Bücher konnten an 20 Schulklassen in Österreich und Syrien gratis verteilt werden.

Die Voraussetzungen - und z. T. auch die Reaktionen - bei den Verteilungen waren in Österreich und Syrien recht unterschiedlich.
In Österreich wurden die Schulen anhand von privaten Kontakten zu Lehrenden ausgesucht, die ihrerseits Engagement und Interesse für das Projekt zeigten, um es auch während dem Schuljahr in den Unterricht einzubauen.
In Syrien mußte die Verteilungsaktion vom syrischen Bildungsministerium zuerst genehmigt und dann überwacht werden. Dadurch und auch durch die geographische Distanz war es uns nicht möglich, die Schulklassen im vorhinein zu kontaktieren und auf das Projekt vorzubereiten.

Während ich in Österreich alleine (und in Wien gemeinsam mit Mony Khoury) das Projekt den teilnehmenden Schulklassen in ein bis zwei Schulstunden vorstellte, konnten wir in Syrien ein ganzes Team für die Verteilung gewinnen und jeweils einen ganzen Vormittag mit den einzelnen Schulklassen verbringen:
Mony Khoury (syrische Künstlerin, lebt seit 15 Jahren in Österreich) übernahm den Part der Projektpräsentation und Organisation auf Arabisch, Korinna Lindinger (Künstlerin, die auch mit einem Text im Buch vertreten ist) fing die Verteilung auf Video ein, Simon Burtscher (Soziologe) fotografierte und Ruth Mateus (Künstlerin und Lehrerin) stellte den syrischen SchülerInnen zwei der österreichischen Partnerklassen vom Schulschiff Wien vor. Und alle gemeinsam waren wir Vormittag für Vormittag damit beschäftigt, die Vielzahl der Fragen zu beantworten und uns immer wieder von neuem von der Herzlichkeit, mit der wir bei den syrischen Schulklassen aufgenommen wurden, überraschen zu lassen.
Es war zu spüren, dass es für die Jugendlichen in Syrien - egal aus welcher sozialen Schicht sie stammten - etwas ganz besonderes war, an dem Projekt teilnehmen zu können und Brief- und E-Mail-Kontakte zu ihren Projektpartnern in Österreich aufzunehmen.



Schülerinnen der Sanawiet Al Abassien Schule in Damaskus betrachten ein Foto ihrer österreichischen Partnerklasse.

Sowohl in Österreich als auch in Syrien reagierten viele der Jugendlichen mit Neugierde und Interesse, um mehr von ihren Projektpartnern, deren Leben und Land zu erfahren.
Vor allem auf österreichischer Seite gibt es schon konkrete Projekte und Pläne für das Projektjahr, wie z. B. Workshops mit der syrischen Künstlerin Mony Khoury, verschiedenste Semesterprojekte, österreichisch-syrische Filmabende und gemeinsames arabisches Kochen.
Auch ein Schüleraustausch wurde schon angedacht. Erste Möglichkeiten wurden bereits von Ruth Mateus (Schulschiff) bei ihrer Reise nach Damaskus im Oktober abgeklärt.

Für weitere Inputs während dem Schuljahr haben wir Video- und Musikmaterial aus Syrien mitgebracht, das nun von Schule zu Schule wandern wird.
Es bleibt zu hoffen, dass das Angebot, das dieses Projekt bietet, auch reichlich genutzt wird, Vorurteile und Missverständnisse überwunden werden und viele Kontakte und Freundschaften zwischen den Jugendlichen aus Österreich und Syrien entstehen können.



Eine Klasse der Al Maone Schule in Damaskus bei der Präsentation der Projektbücher.

Die Verteilungsaktion in Damaskus konnte dank der Unterstützung durch die österreichische Botschaft in Damaskus, VIMPEX Vienna, die GÖAB und die syrische Botschaft in Wien ermöglicht werden. Ihnen, sowie der großen Anzahl von Förderern und Unterstützern des Projektes "365 damaskuswien" gilt mein herzliches Dankeschön dafür, dass sie dieses Vorhaben ermöglicht haben.

Dezember 2004: Neugieriger Blick in die Zukunft.
Für mich haben sich mit der Umsetzung dieses Projektes Grenzen verändert - eine Erfahrung, die ich hoffe, mit diesem Projekt weitergeben zu können.
Nach zweieinhalb Jahren Arbeit ist das Projekt nun an einem Punkt angekommen, an dem ich loslassen und mit Spannung erwarten kann, was von den Jugendlichen und Lehrenden daraus gestaltet werden wird.

Das Buch "365 damaskuswien" kann unter www.damaskuswien.net oder über den Buchhandel (ISBN 3-902249-51-X) bestellt werden.


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